Sonntag, 26. Juni 2011

Ich sitze in einer Zirkusmanege. Ich gucke von oben zu. Es lässt mich alles kalt. Es ist mit egal. Die Seiltänzerin besteigt das Seil, es wackelt, doch sie sieht es nicht. Vielleicht sieht sie es, vielleicht ist es ihr bewusst, auf was sie sich dort einlässt, dass sie es nie über dieses Seil schaffen wird, aber sie setzt trotz alle dem ihren kleinen zierlichen Fuß auf das Seil, gefolgt von dem anderen. Einen Schritt nach vorne. Das Seil wackelt, ihr steigt die Angst bis in den Kopf, Schweißperlen bilden sich auf ihrer Stirn und ihre Blicke schweifen durch die Menschenmenge, durch die gaffende Menschenmenge, aber man sieht es ihr nicht an, weil sie eine Maske trägt. Eine Maske, die so wunderschön von hübschen Perlen verziert und mit Glitzersteinchen beschmückt ist; eine Maske, die eben alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und nicht auf das, was sich unter ihr verbirgt.
Sie stürzt. Im Fall löst sich die Maske von ihrem Gesicht. Hart klatscht sie auf den Boden auf.
Jetzt sieht man ihr wahres Gesicht, die letzten Sekunden ihres Lebens steckt ihr Körper all die Kraft in ein paar Tränen, die ihre Wange herunter tropfen. Ihr Gesicht ist geprägt von Traurigkeit und purer Leere.


War es nicht jedem klar, was passieren wird? Hat es nicht jeder kommen sehen? Jeder einzelne, der in dem Publikum saß und zugesehen hat, wusste was geschehen wird. Sie selbst wusste genauso gut, was geschehen wird! Niemand zeigte eine Regung, es scheint, als wäre es allen egal. Niemand hilft ihr, niemand schreitet dazwischen. Jetzt liegt sie auf dem Boden, unzählige Augenpaare sind auf sie gerichtet, Trauer zieht sich durch die Manege und das, was jedem jetzt bewusst wird ist, dass es passiert ist und man es nicht mehr rückgängig machen kann. Nie mehr. Nie mehr!
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Ich war gestern mit ihm auf einer Einweihungsparty von zwei seiner Freunde. Es war lustig.
Nein, eigentlich habe ich mich mehr als unwohl gefühlt. Ich konnte nirgends hingehen, durch keinen Raum gehen, ohne, dass mich jemand angeguckt hat. Man sieht es, dass ich krank bin. KRANKHAFT DÜNN. Mein Körper wird von zwei Stelzen getragen, meine Oberschenkel bilden ein Guckloch, auch wenn ich meine Beine kreuze, meine Wirbelsäule sticht IMMER hervor und meine Arme sehen aus, wie von einem Grundschulkind. Ich habe die Blicke wie Pfeile in meinem Rücken gespürt, aber was sollte ich machen? Eben. Er hat gesoffen wie ein Fass ohne Boden und geraucht wie ein Schlot. Er macht es sonst nie, eben nur auf Partys. Trotzdem. Ich hatte auf nichts Lust, wollte mich nicht besaufen, also habe ich zum Nikotin gegriffen. Zwar nicht in Mengen wie er, aber auf nüchternen Magen hilft auch schon der noch so kleine Konsum, um sich erstmal für ein paar Minuten an den Türrahmen lehnen zu müssen, bevor man ein Bein nach dem anderen setzen kann: Nikotinflash/ Kreislauf weg.
Er fasst mich an, greift meinen Arm fest, zieht mich an sich ran, küsst mich hemmungslos. will mehr. ich blocke ab. "du rauchst mir zu viel!" darauf er: "und du isst mir zu wenig!" O.O ich darauf: "willst du jetzt streit anfangen? ich glaube du wirst verlieren!" er küsst mich weiter, ist zu verliebt in mich und sieht nicht, dass meine Fassade immer mehr bröckelt und ich endlich mal HALT brauche. verständnis. ich will, dass du bescheid weißt, über alles! ich möchte dir davon erzählen, wie oft ich mich übergebe. Ich möchte dir alle ekeligen Details erzählen, damit du mich endlich mal verstehst! aber ich möchte auch, dass du mich immer noch liebst, respektierst und Zuneigung mir gegenüber empfindest. Ich möchte nicht, dass du dich einmischst und mir vorschreibst, was ich zu tun und zu lassen haben. Einfach nur im klaren darüber sein, was mit deiner Freundin passiert, aber trotzdem den Mund halten: das ist es, was ich möchte!